Der Zaunkönig: Der kleine Vogel mit dem großen Namen.


Man kommt den kleinen Vogel mit dem hochherrschaftlichen Namen selten zu Gesicht. Er ist der Meister des dichten Gebüschs in dem er sich äußerst behänd bewegt und sich damit seinen natürlichen Fressfeinden und ebenso den neugierigen Blicken der Menschen entzieht. Nur sein Gesang ist unüberhörbar laut und erreicht die Stärke von 90 Dezibel, gleichzusetzen mit dem Schalldruck eines roten Porsche 911. Im Gegensatz zu vielen Singvögel ist sein auffordernder Gesang auch im Winter zu vernehmen.

Das Männchen ist poligam unterwegs. Ein, wie es der Volksmund bezeichnen würde „bunter Vogel“ was seine Moral in einer vorwiegend monogam geprägten Vogelwelt betrifft. Dieses Verhalten hat den Zaunkönig als Synonym für Fremdgehen (adultery) in einigen historischen Werken werden lassen.

Shakespeare. In seinem Drama „König Lear“ rügte dieser seine lieblosen Töchter und verteidigt mit bitterer Ironie die sexuelle Freizügigkeit:

“What was thy cause? Adultery? Thou shalt not die. Die for adultery? No. The wren (der Zaunkönig) goes to ‚t, and the small gilded fly does lecher in my sight.”

„… Dein Vergehen? War’s Ehebruch? Du sollst nicht sterben: Nicht für Ehebruch! Nein: Das tut der Zaunkönig, die kleine goldne Fliege treibt’s mir vor Augen.“

Der Name Zaunkönig, König der Lüfte, hat seinen Ursprung in einer alten Fabel des Dichters Äsop, der im 6ten Jahrhundert vor Christus lebte und den Tieren in seinen Erzählungen Sprache verlieh, da er als Sklave in der damalige Zeit nicht offen seine Meinung sagen konnte.

In einer seiner Fabeln berichtete  Äsop über einen Wettstreit des Winzlings mit der lauten Stimme mit einem Adler dem König der Lüfte, wer wohl am höchsten und längsten fliegen könne. Unbemerkt plazierte sich der kleine Vogel auf dem Rücken des mächtigen Adlers und ließ sich in die Höhe tragen und als der Adler müde wurde, flog er von dessen Rücken noch ein Stück höher und landete ausgeruht nach seinem müden Wettbewerber. Daraufhin wurde er von der Vogelwelt zum König ernannt, so die Fabel und wurde zum Symbol für Klugheit, Schlauheit, Verschlagenheit und List.

In einer anderen Fabelversion kam der Zaunkönig nicht so gut weg. Die Vögel bemerkten seinen Betrug und sperrten ihn in ein Mauseloch, aus dem er aber entkam.

Dieser Name verbreitete sich über alle Kontinente und wurde in vielen Sprachen übernommen. Bei Aristoteles und bei Plutarch wird der Zaunkönig „König“ (Basileus) oder „Königlein“ (Basiliskos) genannt.

Diese Geschichte, mindestens 2.500 Jahre alt ist diese Fabel von der Königswahl der Vögel, die dem Zaunkönig bis heute anhaftet und die ihm auch seinen Namen gegeben hat, wird bis heute in vielen Interpretationen der Zaunkönig-Fabel des Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus  in der Politiklehre herangezogen:

„Die beste Ausbildung für junge Staatsmänner ist, wenn sie sich erfahrenen alten Politikern anschließen, die bereit und fähig sind, zu delegieren. Dabei sollen die Jungen aber nicht versuchen, den Alten ihren Ruhm wegzuschnappen, denn zuerst müssen sie lernen richtig zu dienen, bevor sie herrschen können.“

Platon: “Wer nicht richtig gedient hat, kann auch nicht richtig herrschen.“ Als seine Antwort auf den Anspruch des Zaunkönigs in der Fabel.  (»Ich fliege doch besser als du und verdiene es, König der Vögel zu heißen.«)

Eher legt der Zaunkönig ein Gansei.
Ehe das oder jenes geschieht. Die Römer sagten: Prius locusta pariet Lucam bovem

Der Zaunkönig

 

Ein Gedicht von Ewald Patz

 

Wie klein ist dieser Vogel

Im braunen Federkleid

Doch wenn er singt, dann hört man

Ihn laut und auch sehr weit

 

Er baut verschied’ne Nester

Doch alle voller Kunst

Und hofft so zu erlangen

Von einem Weibchen Gunst

 

Die Störche zieh’n nach Süden

Er bleibt im Winter hier

Ich staune immer wieder

Ein wirklich zähes Tier

 

Gelobt sei er als Sänger

Der König von dem Zaun

Sehr groß ist seine Stimme

Sein Ausseh’n klein und braun

 

Aus Wikipedia:

„Das Männchen baut das Nest (Brutplatz), je nach Revier, z.B. im Wurzelwerk von Bäumen, im Industriegebiet zwischen Palettenstapeln, in der Stadt zwischen Mauerspalten oder in Steinhaufen. Die Nester werden aus Moos, trockenen Blättern, Grashalmen und kleinen Stöckern gebaut.

Fortpflanzung und Entwicklung. Der Zaunkönig erreicht die Geschlechtsreife im ersten Lebensjahr. In Mitteleuropa findet die erste Brut Ende April/Mai und meist eine zweite im Juni/Juli statt. In der Regel lebt das Männchen mit mehreren Weibchen, selten monogam

Die Nahrung des Zaunkönigs besteht in erster Linie aus tierischer Beute. Verschiedenste Insekten, gerne Asseln, Ameisen, Wanzen, Netzflüger, aber auch Spinnen, Kaulquappen und Weichtiere stehen auf dem Speiseplan.“

Um 1750 aus Zedlers Universal-Lexikon:: „Dieser kleine Vogel hat eine so starcke Stimme, dass, wenn er anfanget zu singen, man ihn vor einen weit grössern Vogel halten sollte, als er in der That ist. Er ist seines angenehmen Gesangs wohl werth, gefangen und ernährt zu werden.“

Naumann, Naturgeschichte der Vögel: „Weil der ganze Vogel nur drei Drachmen wiegt , so wird ihn niemand wegen seines wohlschmeckenden (!) Fleisches halber tödten wollen. Sein herrlicher Gesang erfreuet den Menschen, und der Landmann hört viel auf dieses Vögelchen, weil es in seiner Nähe wohnt, auch im Winter singt.“

Im Mai 2021

Rainer Kuhn

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